8.Mai 1945 - Tag der Befreiung

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende der nazistischen Diktatur. Mit ihm endeten die Durchhalteparolen und die Illusion vom „Endsieg“. Mit ihm endete auch die systematische Vernichtungspolitik der Nazis. Für Millionen von KZ-Häftlingen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern, Sinti und Roma, politischen Gegnern und sonstigen "Feinden" war die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung.

Der 8. Mai in der DDR und der BRD
In der DDR war der 8. Mai von Anfang an Tag der Befreiung, 1950 wurde er zum offiziellen Feiertag erklärt und jährlich begangen. Für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft war der Tag ein eher unbequemes Datum. Dort war er kein offizieller Gedenktag. Im Vordergrund stand die Erinnerung an „Flucht und Vertreibung“. Die von der Bundeszentrale für Heimatdienst herausgegebene Wochenzeitschrift „Das Parlament“ stellte 1955 den Vormarsch der Roten Armee als das unerwartete Hereinbrechen „bestialischer Horden“ dar, die an „Unschuldigen unmenschliche Vergeltung“ übten. Das Kriegsende erscheint als „Sturz ins Dunkel“ (Süddeutsche Zeitung) und nicht als Befreiung. 1970 wird der 25. Jahrestag des Kriegsendes gegen der Willen der CDU-Opposition mit einer Sondersitzung des Bundestages begangen. Die CDU meinte: „Niederlagen feiert man nicht“.

Geschichtsrevisionismus und Antikommunismus heute
Noch heute schmerzt der Fakt der bedingungslosen Kapitulation gerade und vor allem gegenüber der Roten Armee (national)konservative Kreise. Vor dem zentralen Staatsakt 1995 im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt im Beisein der vier Siegermächte, hatten der CDU-Politiker Alfred Dregger, der ehemalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl und andere eine Anzeige in der FAZ geschaltet, in der daran erinnert wurde, dass das Kriegsende nicht nur das Ende des „Dritten Reiches“ bedeute, „sondern zugleich auch den Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdrückung im Osten und den Beginn der Teilung unseres Landes“.

Im Historikerstreit 1986/87 haben die linksliberalen Historiker zwar noch erfolgreich die Leugnung und Relativierung der Shoa durch Ernst Nolte und die sog. Neue Rechte abwehren können. Im Nachhinein wird jedoch deutlich, dass sich hier ein grundsätzlicher Wandel in der (bundes-)deutschen Erinnerungspolitik vollzogen hat, bei der die deutsche Einheit als Katalysator wirkte. Seit 1989/90 ist Geschichtsrevisionismus zu einer Art „Volkssport“ geworden; jeder darf mal ein „Tabu“ brechen. Die eigentlich bereits in den 80er Jahre begraben geglaubte Totalitarismusdoktrin erlebt einen neuen Aufschwung und nicht wenige konservative und nazistische Historiker wollen nun endlich den vor Jahren verlorenen Historikerstreit wenigsten rückwirkend für sich entscheiden. Was ursprünglich nur in reaktionären und nazistischen Kreisen möglich war, bestimmt heute den Diskurs in den Medien sowie politischen Parteien und Organisationen. Mit großer Hartnäckigkeit und erheblichem materiellem Aufwand werden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung angefochten, angebliche und tatsächliche Widersprüche so aufbereitet, um den Nationalsozialismus aus seiner singulären Verbrecherecke herauszuholen. Zu diesem Zweck werden alle gegen die eigene Geschichtsrevision sprechenden Quellen ignoriert bzw. abgewertet.

Diese Entlastungspropaganda stützt sich auf Abhandlungen einer Gruppe von überwiegend nicht wissenschaftlich ausgebildeten Historikern, die in apologetisch-revisionistischer Absicht gegen die For­schungsergebnisse der Fachwissenschaft Position bezie­hen. Wegweisend dafür sind Jörg Friedrichs geschichtsrevisionistisches Machwerk „Der Brand“, Guido Knopps Fernsehberichte über die „Vertreibung“ und ein vom „menschelnden Hitler“ fabulierender Film „Der Untergang“, nicht zuletzt Günter Grass mit seiner Novelle „Der Krebsgang" sowie eine relativierende Gedenkstättenpolitik, welche die Opfer der Nazis mit denen des „Stalinismus“ auf eine Stufe stellt. Ganz zu schweigen von Politikern, die, wie der ehemalige deutsche Außenminister Fischer, zur Rechtfertigung von Militäreinsätzen in der Welt, stets neue „Hitlers“ und „Auschwitz“ entdecken. In diesem Sinne haben so manche bereits zum Ziel des Geschichtsrevisionismus der Nazis beigetragen und einen „erinnerungspolitischen Gezeitenwechsel" eingeleitet. Schwerpunkte der revisionistischen Geschichtsklitterung sind insbesondere die Kriegs­schuldfrage, die Leugnung und Verharm­losung der dem NS-Regime vorge­worfenen Verbrechen gegen Menschlichkeit, Völkerrecht und Kriegsrecht, die Ver­herr­lichung der Deutschen Wehr­macht und die Kritik an der europäischen Nach­kriegs­ord­nung. Dabei dominiert der ereig­nis­ge­schicht­liche Zugang, um so die Geschichte wie ein „Steinbruch“ nutzen zu können. Fakten werden aus dem Zusam­menhang gerissenen, oft ist auch der chronologische Ablauf völlig belanglos in der Argumentation, um ein, dem Propagandaziel ent­sprechendes, Geschichtsbild zurecht zu basteln. Ursache und Wirkung sowie die zwischen Ereignissen und Prozessen bestehenden Kausalitäten werden ignoriert bzw. verfäl­schen­derweise konstruiert.

Das Eingeständnis, dass das Naziregime nur von „außen“ gestürzt werden konnte, steht bis heute dem deutschen Staat und seiner Bevölkerung bei der Belebung einer „nationalen Identität“ im Wege. Gleiches gilt für die Auseinandersetzung mit den, durch die Mehrheit gebilligten, Verbrechen der Nazis sowie dem Eingeständnis eigener Verantwortung und die Anerkennung der Tatsache, dass die meisten Deutschen von der Enteignung und Zwangsarbeit profitierten. Um so wichtiger war die schwer erträgliche Heroisierung der Widerstandskämpfer_innen des 20. Juli 1944. Ihr Ziel war die Ausklammerung der Täter_innen- und Mitläufer_innenschaft und die Nichtanerkennung des kommunistischen Widerstandskampfes. Gerade mit letzterem wurde auch nach 1989 wieder im gesamtdeutschen Kontext, die Anerkennung der Roten Armee als die maßgebliche Kraft der Befreiung verhindert und diffamiert.

Die geschichtsrevisionistische und antikommunistische Welle in der BRD, wie sie sich insbesondere auch um den 60. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands und der Befreiung vom Nazismus zeigte, ordnet sich in einen gesamteuropäischen Kontext ein; sichtbar etwa durch die Resolution der Parlamentarischen Versammlung des Europarates "Über die Notwendigkeit der internationalen Verurteilung der Verbrechen totalitärer kommunistischer Regime" vom 25. Januar 2006. Die Resolution stellte die „Ausmerzung der kommunistischen Ideologie“ als Aufgabe und wurde damit begründet, dass „das öffentliche Bewusstsein in Bezug auf Verbrechen totalitärer kommunistischer Regimes sehr schwach entwickelt ist.“ Immer wieder gab und gibt es Versuche, Nazi- und gleichzeitig kommunistische Symbole wie Hammer und Sichel in der Europäischen Union zu verbieten. Diese Politik wird vor allem von Vertreter_innen ost- und mittelosteuropäischer EU-Mitgliedstaaten unterstützt. Politiker_innen aus Ungarn und Litauen versuchen auf der Ebene des Europaparlamentes ein Verbot von Nazi-Symbolen in der EU mit einem Verbot kommunistischer Symbole zu verbinden. Eine Reihe dieser Staaten hat wie Tschechien nach 1989 auch Sanktionen gegen die Propagierung des Kommunismus und seiner Symbole in den Gesetzen festgeschrieben. In diesem Sinne wurde in Tschechien der Kommunistische Jugendverband wegen seiner sozialistischen Zielsetzung verboten und werden gegen die KP Verbotsdrohungen ausgestoßen, wird die antikommunistische Stimmung in Polen angeheizt, werden in Estland die Denkmäler der sowjetischen Befreier_innen vom Faschismus und ihre Gräber entsorgt.

Auf politisch gefährliche Art und Weise wird die Botschaft einer totalen Verharmlosung der in der Geschichte einmaligen Verbrechen des deutschen Nazismus, insbesondere der Shoa, sowie der Planung und Durchführung eines Aggressionskrieges, die vielen Millionen Menschen das Leben kosteten, ausgesandt. Ingesamt machen sich dies vor allem Nazis in der Bundesrepublik zu Nutzen, aber auch Nazi-Parteien in anderen EU-Mitgliedstaaten wird so in die Hände gespielt.

Die Lehre für die Gegenwart und die Zukunft: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen
Den Tag der Befreiung als solchen zu begreifen, bedeutet zum einen die Verbrechen der Nazis weder zu leugnen noch zu relativeren und die Tatsache anzuerkennen, dass der mangelnde Widerstand und die mehrheitliche Bevölkerungshaltung ein Eingreifen von außen notwendig machten. Es bedeutet aber auch, entschiedenen Widerstand gegen geschichtsrevisionistische Tendenzen und das unterschiedslose Gedenken bzw. der Vermischung von Opfern und Täterinnen und Tätern zu leisten. Eine Relativierung der deutschen Verantwortung am Zweiten Weltkrieg und an der Shoa darf nicht zugelassen werden.

Darüber hinaus ist es aber auch und vor allem notwendig, den Zusammenhang von politischen, ökonomischen und militärischen Interessen an einer Unterstützung der nazistischen Bewegung stärker in den Blick zu nehmen. Es ging darum, eine Krise des Kapitalismus zu überwinden, eine Krise, die verschiedene Aspekte umfasste. Bspw. bestanden einerseits relativ starke Arbeiterbewegungen, die die Akkumulation des Kapitals einschränkten. In der Weltwirtschaftskrise hatten sich insgesamt neue Kapitalverwertungsmöglichkeiten und –notwendigkeiten ergeben. Gleichzeitig war es in der Weimarer Republik nicht gelungen, ein stabiles politisches Herrschaftsmodell zu bilden. Damit verband sich der Traum des deutschen Militärs von der Wiederherstellung alter Glorie.

Den Nazismus auf eine „Krisenlösung des Kapitals“ zu reduzieren birgt die Gefahr problematischer Verkürzungen. Der nazistische Staat musste die kapitalistischen Widersprüche in Gemeinschaftskonzeptionen auffangen. Die Konzeption der Volksgemeinschaft ermöglichte formal den Einschluss durch den Ausschluss. „Arisierung“ war ein Programm, das den „Volksgenoss_innen“ Vorteile und Gewinn brachte bzw. dies zu mindestens den Dazugehörigen versprach. Kapitalverwertung wurde mit der Einbindung relevanter Teile der Bevölkerung verbunden. Dies erfolgte durch die Kombination von Konsens und Zwang. Dabei ist die Volksgemeinschaft als Zeichen gesellschaftlicher Hegemonie Ergebnis eines Prozesses, der nicht erst 1933 begonnen hat, aber seine deutlichen Konturen des Zwangs mit dem Ausschluss der Gegner_innen und Kritiker_innen mit der Machtergreifung der Nazis 1933 gezeigt hat. In das Zusammenspiel von Konsens und Zwang gehören die verschiedenen Möglichkeiten der Nutznießung vom Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben und der Zerschlagung der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung, der Verfolgung „Leistungsunwilliger“ und „Leistungsunfähiger“ und vom Versprechen gesellschaftlichen Reichtums auf Grundlage der Ausbeutung der eroberten Territorien.

Konsens und Zwang sind die Grundlagen kapitalistischer Verwertungslogik, die im Nazismus in extremster Form bestehen. Antifaschismus und Antikapitalismus gehören deshalb zusammen. Das schließt politische Bündnisse mit kapitalismuskritischen und bürgerlichen Nazigegner_innen im Kampf gegen aktuelle nazistische Bedrohungen nicht aus. Doch wie im Schwur von Buchenwald gefordert: „Die Vernichtung der Wurzeln des Faschismus bleibt unser Ziel und unsere Aufgabe.“ In diesem Sinne gilt es über strukturelle Zusammenhänge von Nazismus und Kapitalismus aufzuklären, den Kapitalismus als Wurzel des Nazismus zu bekämpfen und gegen die Nazis, die erneut mit Antisemitismus, Rassismus und Sozialdarwinismus mobilisieren.

Eine Informationsseite zum 62. Jahrestag
der Zerschlagung des Nazismus.
Hergestellt vom VVN-BdA BO "8.Mai"

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